Notes from Wilhelm Sölter’s diary, June 1-5, 1950

The author Wilhelm Sölter (1902 – 1974) is sickly as a child. At the age of 16 he starts writing almost daily. He was meant to take over the parental mill, but at the age of 28 he leaves home and decides to work for the local court in Obernkirchen/Lower Saxony. In spite of his violent asthma he becomes a soldier in WW II.
Until shortly before his death he neatly fills 48 books, almost 22.000 pages. His love of poetry and nature becomes the foundation of his literary interests and his interest in the daily events. He comes alive as a reflective, perceptive and sensitive man, who is a little superstitious.

Sölter’s diary is in the collection of the Deutsches Tagebucharchiv (DTA). The following extracts of June 1st, June 2nd , June 4th and June 5th are taken from volume 22 (DTA 1708, 1 – 48).

June 1st, 1950
Lachender Sonnenschein; die Farben der Natur beginnen schon zu dunkeln, nur die Kastanien blühen noch rot und weiß….
Beim Entwerfen einer Szene zum „Armen Kanzlisten“, gegen 22h, befiel mich plötzlich eine unbezwingliche Müdigkeit. Ich neigte den Kopf, um ein wenig zu schlummern. Als ich daraufhin wieder erwachte, war es mittlerweile ½ 1 h geworden. Nun war ich selbst zum Lesen zu müde geworden.

June 2nd, 1950
Die Sonne strahlte wie ein Juwel, die Erde leuchtete wie neuerschaffen. Der Roggen steht strotzend in der Kraft seiner Jugendfülle. Der Ostwind wehte beständig gegen einen streifigen und verdichteten Westhimmel…
Las weiter in der Conrad-Biographie: Dichter sollen Menschen gestalten und Herzen erschließen, nicht Ereignisse schildern, die mehr oder weniger mit Zufällen zu tun haben.

June 4th, 1950
Vormittags mit den Eltern unter dem dichten Walnussbaum gesessen, nachmittags im vorrückenden Scheunenschatten. Vater schwieg meist, so daß ich mich ganz unwillkürlich fast nur mit Heinrich unterhielt… Er warf andauernd nach den Tauben, sooft sie im Schatten des Giebels oder auf dem First des Hauses eine Rast einlegen wollten. Ich sah, wie Vater einen heimlichen Unwillen herunterwürgte.
Marlene und ich gerieten wieder wegen Hanswillem in heftige Erregung, als dieser erneut erst wieder gegen ½ 24h nach Hause kam. Ich gab ihm deswegen eine Ohrfeige; aber was ist das schon? Könnte ich ihm doch eine gute und strenge Lehrstelle verschaffen, so würde er gewiß ganz von selber solider werden.

June 5th, 1950
Ich hatte beim Aufstehen meine Unterhose links angezogen, und siehe, im Amtsgericht bekam ich sogleich eine Rüge erteilt: warum ich denn für eine kurze Anfrage die Briefform gewählt hätte. Ich wußte Bescheid: Porto sparen!
Gutes Mittagessen: Rhabarbersuppe, Rouladen mit Bratkartoffeln und grünem Salat.
Heute ist nun endlich mein Entnazifizierungsbescheid eingegangen. Marlene schickte ihn mir sogleich zum Amtsgericht herauf …
Joseph Conrad will „regelmäßig, anständig, ordentlich und fleißig arbeiten“. Er ist jedes Mal verzweifelt, wenn er sein sich selbst gesetztes Pensum nicht erfüllt hat. … Ich will keine Vergleiche ziehen; Prosa und Prosa ist nicht dasselbe; jedoch er kann aus einem Grunderlebnis heraus schreiben. Ich ebenfalls; so haben wir das eine gemeinsam, daß wir keine Phantasten und Erwerbsschriftsteller sind. Ich habe deshalb bis heute geschwiegen und werde wohl noch weitere zehn Jahre schweigen, ehe ich mich an die Öffentlichkeit wagen werde. Das eine weiß ich nun, daß ich mir seit anderthalb Jahren keine geringe Last zumute, um mein Leben recht zu erfüllen.


Why did we choose extracts from the first week of June 1950?

In May 1950, the then French Foreign Minister Robert Schuman made a programmatic statement concerning the pooling of French and German coal and steel production. The so-called Schuman Plan proved to be the most important basis for the process of European integration, which enables us today to quite naturally work together on a European level.

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